[Korruption auf den Philippinen] HOW TO STAND UP TO A DICTATOR - Deutsche Ausgabe #21/128
Nun, nur wenige Jahre später, schlossen sich die Soldaten, die sich zuvor feindlich gegenübergestanden hatten, zusammen und rekrutierten Tausende weiterer Kämpfer, darunter Elite- und Marinesoldaten. Sie beschuldigten Aquino der Inkompetenz und Korruption – es waren größtenteils unbegründete Behauptungen.
Ich war sechsundzwanzig. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich etwa zwei Jahre Berufserfahrung als Fernsehjournalistin. Die Doppeltätigkeit für Probe und CNN brachte es mit sich, dass ich mittlerweile zwar eine gute Produzentin, aber immer noch eine grauenhafte Fernsehreporterin war. Zugleich hatten sich jedoch auch meine Quellen verdoppelt, deren Anzahl, wie ich inzwischen weiß, das eigentliche Maß für journalistisches Können ist. Die Grundlage, um an Fakten zu kommen, ist Vertrauen. Vor der Zeit der sozialen Medien hing dies von der eigenen Erfolgsbilanz und der Integrität der jeweiligen Nachrichtenorganisation ab. Cheche und Probe mit ihren tiefen Wurzeln in unserer Gesellschaft, erweiterten meinen Vertrauensbereich; die globale Reichweite von CNN half mir, die wirklich relevanten Geschichten zu verbreiten. Schon früh erhielt ich eine einzigartige Perspektive, sowohl lokal als auch global.
Als der Putsch begann, berichtete ich für CNN darüber. Ich spürte das Adrenalin von Eilmeldungen und Konfliktberichterstattung. Wenn man über einen längeren Zeitraum als Reporterin in einem Kriegsgebiet arbeitet, wird man danach süchtig, aber das weiß man anfangs noch nicht. Die hektische Betriebsamkeit erfordert einen klaren journalistischen Echtzeitblick: Man muss gleichzeitig Radio hören, Kontakt zu den Quellen aufnehmen (damals waren es noch Besuche), um zu erfahren, was sie gerade erleben, und dann alles schnell an CNN Atlanta weiterleiten, damit die Nachrichten gesendet werden können. Während all dessen rannte ich herum und versuchte, Ereignisse vorherzusehen, damit ich auf wundersame Weise dabei sein und sie auf Video festhalten könnte, wenn sie tatsächlich eintraten. Das war der Teil der Arbeit, den ich liebte: Ich musste vor Ort sein, um die Bilder einzufangen.
Der große, schweigsame Rene Santiago, mein Kameramann, war mein Lehrer in Sachen Eilmeldungen. Er redete nicht viel, aber er lehrte durch Wiederholung und Beispiel. Ich lernte, mich an seinem Gürtel festzuhalten, wenn er sich in der Menge nach vorne drängte. Es war ihm egal, ob er die Leute verärgerte; er bekam das Videomaterial.
Bald erfuhren wir, dass die Rebellen unter anderem das Hotel InterContinental und andere Hochhäuser im Finanzzentrum eingenommen hatten. Kurz vor Sonnenaufgang fuhren wir vorsichtig in Richtung Niemandsland. Am Tag zuvor hatten Schüsse und Mörsergranaten das Gebiet überzogen; niemand wusste, aus welcher Richtung das Scharfschützenfeuer kam, weshalb sich die meisten Journalisten fernhielten. Doch ich wollte zu den aufständischen Soldaten gelangen, die Entscheidungen trafen. Wir nahmen ein weißes Bettlaken im Auto mit und befestigten es an einer Mikrofonangel. Als Rene in das Gebiet hineinfuhr, schalteten wir die Klimaanlage aus und öffneten unsere Fenster.
Es war so still, dass man die Vögel zwitschern hören konnte. Ich ertappte mich dabei, wie ich den Atem anhielt. Wir fuhren auf die breite, menschenleere Ayala Avenue, die sechsspurige Hauptverkehrsader des Finanzviertels, die auf beiden Seiten von Hochhäusern flankiert wird. Im Jahr 1983 wurde dort der Leichnam von Ninoy Aquino durch die aufgebrachten Volksmassen gefahren. Drei Jahre später läuteten Paraden und Konfetti auf der Ayala Avenue das Ende des Marcos-Regimes ein.
»Kann ich mich ins Fenster setzen, Rene?«, fragte ich. Ich dachte, dass die Scharfschützen sehen würden, dass ich kein Soldat war, wenn ich die Mikrofonangel mit dem daran befestigten weißen Tuch schwenkte.
Er zeigte mir, wo er die Bewaffneten in den umliegenden Gebäuden vermutete. Ich stand auf und setzte mich ins Fenster, damit ich die weiße Fahne schwenken konnte. Wir fuhren langsam in das Viertel. Es dauerte mehrere quälende Minuten.
Nie war ich so erleichtert gewesen, aus einem Auto zu steigen. Ich löste die weiße Fahne von der Mikrofonangel, und Rene und ich begaben uns zügig in die Lobby des Hotels InterContinental. Der Rebellenführer Oberst Rafael Galvez gewährte uns ein Interview, das erste für ein internationales Publikum. Dann wies er uns eine Eskorte zu, mit der wir zum Peninsula Hotel und zu anderen umliegenden Gebäuden in Makati fuhren, um dort mit aufständischen Soldaten und den wenigen Bürgern zu sprechen, die sich auf die menschenleeren Straßen gewagt hatten. Wir bekamen unsere Story.
Rene und ich bauten während des Putschversuchs 1989 eine Menge Vertrauen auf. Wir vertrauten einander als Team, was der erste Schritt zu gutem Journalismus war. Unsere Partnerschaft sollte zwanzig Jahre bestehen.
Der Putsch dauerte neun Tage. Es war der blutigste Putschversuch von allen: 99 Menschen starben, darunter 50 unbeteiligte Zivilisten, und 570 wurden verwundet. Cory Aquino blieb zwar Präsidentin, aber ihre Regierung sollte sich nicht mehr davon erholen. Sie hatte versucht, nach einer Diktatur eine demokratische Führung aufzubauen, aber es war ihr nie gelungen, den militärischen Widerstand zu unterdrücken, der sich während der People-Power-Revolution herausgebildet hatte.
Im Jahr 1992 bekamen die Philippinen einen neuen Präsidenten, Fidel Ramos.